Samstag, 1. September 2007

Tempel, Chola-Bronzen und Seide

1. September Wenn wir abends ins Internet gehen sind wir meistens so müde, dass wir uns auf die allerwichtigsten Ereignisse beschränken, dabei gibt es so viele wunderbare erwähnenswerte Augenblicke, z.B. die Begegnung mit dem alten Bettelmönch, der sich bereits in der anderen Welt zu befinden schien und uns ganz verwundert und strahlend anblickte, als wir ihm einen 10 Rupien Schein in seine mit wenigen Münzen gefüllte Bettelmuschel steckten - oder die wunderbare Stimmung im kleinen Tempel in Kumbakonam beim Einbruch der Dämmerung mit dem Rauschen der Bäume, fernem Mantragesang und den Menschen, die ruhig dasaßen oder lagen (immer wieder sieht man schlafende Menschen auf dem Tempelboden). Gestern haben wir für einen halben Tag ein Taxi gemietet und sind zunächst 5 Kilometer außerhalb nach Darasuram gefahren. Der dortige kleine Tempel, ein Unesco Weltkulturerbe, hat uns zutiefst beeindruckt und uns von allen Tempeln bisher am besten gefallen. Mit offenen Mündern standen wir vor den unzähligen wunderbaren Steinmetzarbeiten aus dem 12. Jahrhundert. Jede Säule war anders ausgeschmückt mit kleinen und ganz fein gemeißelten Skulpturen. Allein dieser Tempel hat die Reise gelohnt. Im nahe gelegenen Swamimalai ließen wir uns in einem Ausbildungsbetrieb die traditionelle Herstellung der Chola-Bronzen erklären und kauften dann eine wunderbare Statue der Saraswati, der Göttin der Erziehung und der Musik. Unter der Herrschaft der Cholas (etwa 10. bis 12. Jahrhundert) entstanden nicht nur wunderbare Tempel, sondern wurde auch die Herstellung von Bronze-Statuen nach dem Wachsausschmelzverfahren vervollkommnet. Dabei wird zunächst eine Figur aus Bienenwachs und Harz geformt. Diese wird mit Lehm umhüllt, wobei an einer Stelle zwei Öffnungen läßt. Der Lehm wird gebrannt, dabei fließt das flüssig gewordene Wachs aus den Öffnungen heraus. Der entstehende Hohlraum wird mit flüssigem Metall gefüllt. Nach dessen Erkaltung wird der Lehm abgeschlagen und die entstandene Figur nachbearbeitet, es werden Unebenheiten abgefeilt und die ganze Figur mit kleinen Meißeln oder Nägeln verschiedener Größe behauen um bestimmte Oberflächenmuster zu erzielen). Anschließend fuhr uns unser Chauffeur noch zu einer Familie, die Rohseide selbst spinnt und färbt und auf alten Webstühlen phantastische Seidenstoffe herstellt. Der Vater erklärte uns die komplizierte Mechanik des Webstuhls und die Funktion der über 100 „Lochkarten“, die genau steuern, welche Muster eingewebt werden, alles von Hand natürlich ohne irgendwelche Motoren. Dort kauften wir einen schönen blaugrün changierenden Sari-Stoff. Um den Hunger zwischendurch zu stillen, nahmen wir an einem Straßenstand einige knusprige Mini-Vegiburger mit 2 Tassen Tee zu uns, alles zusammen für 12,5 Rupien (etwa 25 Cent). Man kann hier für wenig Geld satt werden und in solchen Momenten wird uns immer wieder klar, welche Unsummen wir in den Augen der einfachen Inder für Essen und Übernachtung ausgeben und viele Fragen tauchen in einem auf. Manchmal schämt man sich, wenn man nicht für genug Kleingeld vorgesorgt hat, um allen armen Menschen, die einen anbetteln, etwas zu geben. Dann schiebt man die Skrupel wieder beiseite, denn man würde verrückt werden in diesem irren Land und versucht sich wie die wohlhabenden Inder zu verhalten. Verhungernde oder auf der Strasse sterbende Menschen sieht man nicht, aber die meisten Menschen sind sehr mager und gelegentlich sieht man auch Personen im Müll nach verwertbaren Abfällen wühlen. Gelegentlich denkt man, dass manche still am Straßenrand Sitzende Almosen besser gebrauchen könnten als Bettler, die durch lautes Rufen auf sich aufmerksam machen. Heute sind wir von Kumbakonam nach Pondicherry gefahren. Da die Busverbindung zu umständlich war und die Bahnverbindung mal wieder wegen Umstellung auf Breitspur für einige Jahre ausfällt, haben wir uns für 2000 Rupien ein Taxi geleistet. Der Transfer ist auch so stressig genug, wegen der Schlaglöcher und der dauernden Ausweich- und Überholmanöver. Da wir durch das Taxi unabhängig waren, konnten wir uns noch den Tempel in Gangaikondacholapuram anschauen, der fast auf dem Weg lag, - auch er ein Kulturerbe der Menschheit und sehr beeindruckend. Er wurde vom Chola-König Rajendra im 11. Jahrhundert zum Ruhm seiner Eroberungen erbaut. Dem Tempeleingang gegenüber liegt eine riesige aus einem Felsblock gemeisselte Kuh, seitlich der Eingänge stehen überlebensgroße grimmig dreinblickende Wächter aus Stein mit gefährlichen Stoßzähnen. In einer der Nischen des Tempels sieht man eine große Skulptur, die Shiva und seine Gefährtin Parvati darstellt, wie sie den König bekränzen. Mittlerweile ist Erntezeit (im benachbarten Bundesstaat Kerala findet das Onam-Fest, ein einwöchiges Erntedankfest statt). Wer keine richtige Tenne zum Dreschen hat, bearbeitet sein Getreide auf der Strasse und läßt es auf dem Asphalt auch zum Trocknen liegen. Damit niemand drüber fährt, werden zu beiden Seiten der "Auslage" Baumstämme oder ähnliches hingelegt. Diese Absperrungen (die immer nur eine Strassenseite betreffen), werden von allen Verkehrsteilnehmern akzeptiert, obwohl sie beim Durchfahren mancher Dörfer und Weiler gelegentlich regelrecht zum Slalomfahren gezwungen werden. Im Park Guesthouse in Pondicherry, wo es uns das letzte Mal so gut gefallen hatte, gab es leider nur noch ein lautes Zimmer, das wir für eine Nacht genommen haben. Nach dem kurzen Mittagsschlaf ließen wir uns von einem Tuk-Tuk nach Kalapet, im Norden von Pondi fahren und entdeckten ein gerade noch bezahlbares staatliches Beach-Resorthotel (3000 Rupien für ein DZ) in einem schönen ruhigen Palmenhain, direkt am Meer. Vielleicht gehen wir morgen dorthin. Das Abendessen im Seagulls mit seiner schönen Terrasse am Meer war gut wie immer und wir tranken zum ersten Mal ein indisches Bier dazu. Im Dunkel auf dem Gehweg nahe dem Restaurant lag wieder der gleiche Mann wie vor 2 Wochen, offensichtlich ist das sein Schlafplatz. Gegenüber der Eingang zum Institute for Bio-Medical Engineering, wie bei allen Institutionen oder besseren Hotels oder Restaurants mit einem Wachmann davor, der offensichtlich ungebetene Gäste abhalten soll. Wieder gehen einem viele Fragen durch den Kopf, wenn man gut genährt an diesem hustenden Bündel Mensch vorbeikommt.

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