Mittwoch, 15. August 2007

Ankunft in Chennai

15. August 2007 Gestern Abend sind wir wohlbehalten um 23.45 (Ortszeit) in Chennai gelandet (früher hieß die Stadt Madras). Am Zoll gab es kein Problem, das Einreiseformular abgegeben, ein Stempel in den Pass und schon waren wir in Indien, Wolfgang wechselte Geld und Mia stellte sich beim Band für die Koffer an. Da standen wir dann circa eine Dreiviertelstunde, bis unsere Koffer aus dem Bauch des Jumbo Jets ausgespuckt waren. Der hatte Platz für etwa 400 Personen und war zu drei Vierteln voll. Draußen war es auch nachts noch ausgesprochen heiß. Beim Prepaid Taxi Service bekamen wir sofort ein Taxi und losging das Abenteuer. Nach einer Viertelstunde hat das Automobil (alte gepolsterte Klapperkiste) einen Platten. Der Fahrer und sein Beifahrer, wahrscheinlich der kleine Bruder, wechselten den Reifen am Straßenrand, Motorrikschas, Laster, Busse, Autos rasten vorbei, Hunde kamen aus der schäbigen Gegend, wir sahen erste Menschen auf der Strasse nächtigen. Gegen zwei/halb drei waren wir schließlich im Hotel und kurz darauf schlafen. Gegen sieben wachten wir auf und starteten den Tag. Leckeres indisches Frühstücksbuffet, dann hinein ins Getümmel. Auf der Strasse herrscht ein unglaublich reges Treiben. Der Gehweg, wenn er existiert, ist meist von Händlern belegt, Radfahrer, Motorradfahrer, Fahrradrikschas und Motorradrikschas, Autos und Busse winden sich aneinander vorbei unter heftigstem Gehupe. Zu Fuß gehen ist hier wirklich anstrengend, auch wegen der Hitze und des Staubs und der gelegentlich unangenehmen Gerüche. Ein paar Strassen weiter finden wir den Kapaleshwara-Tempel mit seinem Tempelteich. Dieser ist voll mit Fischen, die von den Gläubigen gefüttert werden. Vor dem Eintritt in den Tempel (der immer nur barfuss geschehen darf) lassen wir unsere Schuhe bei der Schuhaufbewahrung. Die diensthabende Dame erkennt uns sofort als Neulinge und verlangt (wie wir später feststellen werden), aberwitzige Preise, nämlich das Zehnfache von dem, was üblich ist für die Schuhaufbewahrung und zwei Jasmin-Girlanden, die sie uns umlegt. Jasmin-Girlanden sieht man häufig in den Haaren der Frauen. Mit ihrem Duft überdecken sie die weniger angenehmen Gerüche. Im Tempel wird verschiedenen Statuen gehuldigt, man betet sie an oder entzündet Butterlichter vor ihnen (ganz ähnlich wie in der katholischen Kirche, die übrigens in Südindien sehr präsent ist und in der Ausführung der Heiligenfiguren sich an den sehr bunten indischen Geschmack angepasst hat). Überall sehen wir eine große religiöse Inbrunst. Ein spannender erster Tempelbesuch, auch wenn die hinduistischen Riten einem schon sehr fremd sind. Danach machten wir uns auf den weg zum Marina Beach, der Weg war aber weiter als gedacht und da es sehr heiß war, nahmen wir eine Motorrikscha. In Strandnähe standen slumartige Wohnungen der Fischer, mit Palmenblättern gedeckt, auf dem Sand Exkremente und Müll, herumstreunende Ziegen. Fische wurden auf der Strasse verkauft, aber immer wieder auch als Kontrast eine gepflegte Anlage. Im Anschluß schauten wir uns noch die St. Thomas Cathedral an, wo der Apostel Thomas, ein Jünger Jesu begraben sein soll (eine Pilgerstätte im Rang von Rom und Santiago de Compostela, in der Krypta war es angenehm kühl) und nahmen schließlich erschöpft eine Motorrikscha ins Hotel, ruhten uns kurz aus und aßen sehr lecker indisch zu Mittag. Mia schlief eine Stunde, Wolfgang noch länger. Später wollen wir eventuell eine Motorrikscha bis zur theosophischen Gesellschaft nehmen. Mal sehn. Es ist alles sehr interessant, aber komischerweise nicht befremdend, obwohl alles fremd ist. Nach dem Mittagsschlaf sind wir doch in unserem Viertel Mylapore geblieben und haben zu Fuß die Umgebung erkundet. An einem Kiosk kaufen wir uns Odomos, eine Creme zur Moskito-Abwehr. Man scheint hier die Malaria-Gefahr nicht allzu ernst zu nehmen, bei unserer Ankunft umschwebten vier Moskitos den Empfangschef und Mia ist in der Nacht auch gestochen worden (in dem Edelhotel gab es keine Möglichkeit, unser Netz aufzuhängen). Hoffen wir, dass alles gut geht, laut WHO gibt es am Küstenstreifen von Chennai abwärts nur ein sehr geringes Malaria-Risiko. Der Kioskverkäufer winkt uns eine Fahrradrikscha herbei, da wir noch in ein nahe gelegenes Musikgeschäft wollen, um indische Musikinstrumente anzusehen. Ein älterer Mann, ganz hager, mit Lendenschurz, wie hier üblich, fährt uns. Er schiebt die Rikscha an und sobald sie etwas läuft, tritt er in die Pedale. Ein brutaler Job, mitten im Großstadtverkehr und wir kommen uns auch ziemlich seltsam vor. Andererseits sind die Fahrradrikschafahrer wesentlich ärmer als diejenigen, die bereits eine Motorrikscha (auch Tuk-Tuk genannt) besitzen und auf das Geld dringend angewiesen. Es wird trotzdem unsere einzige Fahrt mit einer Fahrradrikscha bleiben. Das Musikgeschäft war übrigens geschlossen und wir gingen zu Fuß zurück. Immer wieder sah man am Straßenrand Bettler, darunter eine alte leprakranke Frau ohne Finger und Zehen, die den ihr gereichten Geldschein mit den beiden Handflächen entgegennahm. Wir wussten ja, was auf uns zukommt, aber wenn man dann mittendrin in der indischen Realität lebt, ist es doch noch einmal etwas anderes. Als wir vor einem großen Bekleidungsgeschäft de Kette Sri Kumuaran vorbeikommen, packt Mia der Kaufrausch. Wir treten ein, gehen in den klimatisierten zweiten Stock und gleich werden eine Menge schönster Seidensaris vor uns ausgebreitet. Am Ende und nach einigem Anprobieren kauft Mia einen sehr schönen Hosenanzug. Die Verkaufsprozedur war wirklich toll. Abendessen in einem vegetarischen Restaurant, das zu einer Fast-Food-Kette gehört, gerammelt voll mit Indern (westliche Touristen haben wir eh noch nicht gesehen), sehr kühl mit Air Condition und ein sehr gutes, sehr billiges Essen. Wir fühlen uns schon richtig dazugehörig, obwohl wir hier eigentlich weiße Paradiesvögel sind und von den Kindern ordentlich bestaunt werden, denn die Tamilen haben eine tiefschwarze Hautfarbe, die Männer meist mit Schnurrbart (gelegentlich mit Vollbart), die Frauen mit langen schwarzen Haaren, die in Zöpfen zusammengeflochten sind. Wieder draußen, ist es mittlerweile dunkel geworden und wir gehen gemütlich an den vielen Marktständen vorbei und noch einmal um den Tempelteich herum. Dabei erleben wir das Ende einer Prozession: ein Tempelwagen mit Priestern und Götterstatue wird in einen kleinen Nachbartempel gezogen, vorausgehend eine Musikgruppe mit den traditionellen rituellen Instrumenten Nadashvaram (ein Doppelrohrblattinstrument, größer als die Oboe und mit durchdringendem Klang) und Tavil (Trommel mit zwei Fellen, das eine Fell wird mit einem Trommelstock geschlagen, das andere mit den Fingern gespielt, auf denen zwecks schärferen Klangs Fingerhüte sitzen). Trotz der vielen Menschen haben wir das Gefühl, dass hier alles außerordentlich friedlich zugeht und fühlen uns ganz sicher. Eigentlich haben wir an diesem ersten Tag schon enorm viel erlebt.

1 Kommentar:

Argentinienreise hat gesagt…

Hoffe das ist ok für euch... Kann ich auch wieder löschen... Vorschläge nehme ich gerne an... auch wen ihr die adresse schicken wollt :-D