Samstag, 25. August 2007

Tiruvannamalai

Die Erzählung wird fortgesetzt ab dem Nachmittag des 22.8. Der Sabhanayaka-Tempel in Chidambaram war großartig. Hier soll der kosmische Tanz Shivas als Nataraja stattgefunden haben (die Bronzefigur, die diesen Tanz darstellt, ist mittlerweile in vielen Kopien über den ganzen Globus verbreitet). Für die südindischen Shiva-Anhänger ist dies das heiligste aller Heiligtümer. Große Gopuras (Tempeltürme, über und über dekoriert mit meist bunt angemalten mythischen Gestalten und Tieren) überragen einen 16 Hektar groß, durch vier konzentrische Mauern abgetrennten Tempelkomplex. Von den in früheren Jahrhunderten 3000 Brahmanenpriestern sind heute „nur“ noch 300 übrig. Der legendäre König Hiranyavarman soll von Kaschmir aus eine Wallfahrt hierher unternommen haben und im Tempelteich, der aus sieben natürlichen Quellen gespeist wird, von der Lepra geheilt worden sein. Im Inneren des Tempels herrscht eine mystische Atmosphäre. Fotographieren ist allerdings im Inneren streng verboten. Am Eingang trafen wir einen netten Führer, der uns auch half, uns zurechtzufinden im Segnungs- und Bettler-Wirrwarr. Noch einen Saft in einem ruhigen Hotel und dann ging es gegen 18 Uhr wieder zurück mit dem Bus nach Pondicherry. Diesmal kostete die Fahrt 40 Rupien pro Person, doppelt so viel wie auf der Hinfahrt. Warum ? Der Bus hatte eine Videoanlage mit zwei Bildschirmen oberhalb des Fahrers und Lautsprechern den ganzen Bus entlang - ein ohrenbetäubender Lärm! Aber wir wollten mit der Rückfahrt nicht länger warten, also hinein. Da kein Ohropax zur Verfügung stand, Taschentuchstöpsel ins Ohr und möglichst abschalten! Eine Tortur ! Der Verkehr in Indien ist eh schon sehr laut und dann das noch dazu - akustische Umweltverschmutzung neben der Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung (in der Zeitschrift „The Hindu“ war gerade dieser Tage ein Artikel über die Gesundheitsschäden durch Lärm). Die spinnen, die Inder, dachten wir – dieser Krach im Lande der großen Gurus , das man mit stiller Meditation in Verbindung bringt. Während der Fahrt taucht plötzlich ein Elefant mit Reiter links vom Bus auf. Der Bus fährt langsamer, der Schaffner legt dem Tier ein Geldstück in den Rüssel und lässt sich vom Rüssel segnen. Heute im Tempel gab es auch einen Elefanten, der die Gläubigen gegen Geld leicht mit dem Rüssel am Kopf berührte. Am Donnerstag, den 23.8. haben wir uns von den Strapazen ausgeruht und ließen uns von einem Tuk-Tuk (Motordreirad) zum Strand von Auroville fahren. Endlich mehrmals schön im Meer gebadet. Wir sprachen am Strandcafe mit einer Französin, die seit sechs Jahren in Auroville lebt und einen recht erschöpften Eindruck machte. Vom ehemaligen Enthusiasmus der utopischen Stadt war in ihren Schilderungen nicht viel übrig geblieben. Wieder mit dem Tuk-Tuk "nach Hause", ins Park Guesthouse des Sri Aurobindo-Ashrams, einer Oase der Stille, in der wir auch die letzten Tage vor dem Rückflug verbringen wollen. Gegen fünf Uhr nachmittags ist der Himmel schwarz von Wolken (schon am Abend vorher hatte es kräftig geregnet und gewittert). Wir gehen trotzdem über die Strasse in eine kleine Agentur, um ein Taxi für den nächsten Tag zu bestellen. Wir erfahren, dass ein Taxi für die rund 110 km nach Tiruvannamalai zwei Stunden braucht und 1100 Rupien kostet (22 Euro), dann bricht ein totaler Wolkenbruch los, der Monsun hat uns voll erwischt. Das Wasser kann so schnell nicht abfließen und die Strasse ist bald nicht mehr zu sehen. Mia hat Gott sei Dank ihre Badelatschen an, krempelt die Hosen hoch und geht ins Guesthouse hinüber, um Reiseschecks und Badelatschen für mich zu holen. Ich habe in der Zwischenzeit ein interessantes Gespräch mit dem Angestellten über Obdachlose in Indien und Deutschland, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und viele andere Dinge geführt. Nach einem schönen ruhigen Abendessen auf der Terrasse des Seagulls mit Palmen- und Meerblick ein guter Schlaf. Am Freitag, den 24.8. ging dann die schöne, ruhige Fahrt los bei schönem Wetter mit gutem Auto und kompetentem Fahrer ins Landesinnere. Wenn man die chaotischen Städte durchfahren hat (armer Fahrer: er muss auf Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer, Ochsenkarren und Tuk-Tuks, Busse und LKWs achten), sieht man bukolische fruchtbare Landschaften mit teils archaischen Szenen. In Tiruvannamalai sind wir in einem guten Hotel in der Nähe des Tempels und trotzdem ziemlich ruhig gelegen. Mittagessen mit Klimaanlage und plötzlich donnert der Regen los und will nicht mehr aufhören. Nach dem Mittagsschlaf nieselt es nur noch, die Leute hier freuen sich über die Abkühlung durch den Monsun. Wir nehmen ein Tuk-Tuk zum Ashram von Sri Ramana Maharshi, einem "Erleuchteten", der hier gelebt hat und 1950 gestorben ist. Eine sehr schöne Atmosphäre mit lebenden Pfauen auf den Dächern (wie zu Ramanas Zeiten – der Pfau ist in Indien ein Symbol für Glück). Von fünf bis sechs Uhr in der Haupthalle, wo sein Leichnam begraben ist, hören wir den sehr intensiven vedischen Gesängen zu. Danach mit einem netten Tuk-Tuk-Fahrer, mit dem wir heute morgen eine Rundfahrt um den heiligen Berg Arunachala gemacht haben, zurück ins Hotel. Es regnet und wir gehen mit Badeschlappen und Schirm aus. Dieses unglaubliche Gewusel an Menschen, der Müll, die halb zerfallenen Buden, die Handwerker und Verkäufer, es ist jedes Mal wieder anstrengend, auch wenn wir mittlerweile uns viel selbstverständlicher unter den Menschen bewegen und Bettler und Verkäufer besser abwimmeln können. Abendessen in einer Kneipe, zu der wir auf Grund ihres Aussehens vor einigen Tagen noch nicht den Mut gehabt hätten. Aber hier ist alles irgendwie versifft für unsere Gewohnheiten, selbst das "Luxus"-Hotel, in dem wir in Chennai waren (im Internet-Laden, wo wir gerade schreiben, wimmelt es von alten Spinnweben und Dreck). Das Abendessen war köstlich und bereitete überhaupt keine Probleme. Heute waren wir zum Mittagessen dort, ich aß, wie es hier alle machen, mit der rechten Hand, die verschiedenen Zutaten wurden aus verschiedenen Kübeln mit einem Schöpflöffel auf ein Bananenblatt gekippt. Heute ist der 25.8., 11 Nächte haben wir hinter uns gebracht, 11 noch vor uns. Morgens fuhren wir wie schon gesagt, um den heiligen Berg und erfuhren von dem sympathischen Fahrer, der vor einigen Jahren mit Mühe einen Schlangenbiss überlebt hatte und drei Töchter zu versorgen hat (eine davon kann studieren), dass die Grundstücke um den heiligen Berg in den letzten Jahren zunehmend von deutschen, französischen und amerikanischen Esoterikern aufgekauft worden sind, die sich zum Meditieren teilweise hinter meterhohen Mauern verschanzen und die Bodenpreise kräftig in die Höhe getrieben haben. Nach dem Mittagessen machten wir uns auf zu den Höhlen auf dem heiligen Berg Arunachala, die Sri Ramana von 1899 bis 1922 bewohnt hat, der Virupaksha-Höhle und etwas weiter oben dem Skandasraman, ein junger Forstmitarbeiter führte uns steil bergauf. Sehr schöne, absolut ruhige Plätze mit einer wunderbaren Stimmung und einem großartigen Blick auf Stadt und Tempelanlage. Beim Absteigen beobachten wir im Wäldchen eine fröhliche Affenherde, Giftschlangen bekommen wir Gott sei Dank nicht zu Gesicht. Nach einem kurzen Mittagsschlaf haben wir uns diese riesige Tempelanlage, an der tausend Jahre lang gebaut wurde, noch von innen angeschaut. Außer dem erwähnten Tempel-Elefanten gab es viele Affenmütter mit ihren Kleinen am Bauch angeklammert, Hunde und eine heilige Kuh, Tempelmusik, viele Priester und Gläubige, außerdem eine große Gebührenordnungs-Tafel für die diversen Kulthandlungen mit zum Teil heftigen Preisen. Vor dem Tempel treffen wir auf eine Gruppe von Bettelmönchen, die einen heiteren, gelösten Eindruck machen und sich auch über eine kleine Gabe wirklich freuen. Jetzt essen wir zu Abend und gehen ins Bett, morgen haben wir den längsten Teilabschnitt unserer Reise vor uns, bis nach Trichy.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wolfgang früher (re), heute (li), in 100 und in 200 Jahren (Mitte).
Lieben Gruß
Annette ;-)